Katholisch in Luthers Land. Ökumenische Begegnungen in und um Seyda…………………………………………………. Meinem Schulfreund Wigbert Scholle zu seiner Einführung als katholischer Stadtpfarrer von Gotha am 21. August 2016 und allen, die für die Einheit der Christen beten……………………………………………………….. Bild: Nach der Erstkommunion vor dem Pfarrhaus Seyda, ca. 1956, mit Pfarrer Koch………………………………………………… Jesus Christus spricht: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall: Auch sie muss ich herführen, und sie hören meine Stimme. Und es wird eine Herde und ein Hirte werden.“ Joh 10,14 und 16…………………………….. „Gehen Sie da nicht ran, der gehört den Katholiken!“ Erst wenige Tage war ich in Seyda, und wir reinigten die Kirche für den Einführungsgottesdienst, ich stand in der Sakristei vor einem alten Schrank – und der Ruf hallte quer durch die Kirche von der Empore herunter. Meine Neugier war geweckt. Ich fand in dem Schrank die Spuren katholischer Gottesdienste. Messformulare und Gesangbücher in Latein – also noch vor dem Konzil in den 60iger Jahren, wo auch in der katholischen Kirche auf die „Landessprache“, also bei uns Deutsch, umgestellt wurde; Bitten für die Caritassammlung von 1956, ein silbernes Marienbild, was offensichtlich an einen kleinen Holzaltar (1 Meter x 0,50 Meter) hinten angeschraubt wurde, den passenden Schraubenzieher, Weihrauch – und eine Pfeife mit Tabak, vielleicht vom Priester. All die Dinge verstaute ich sorgfältig in Kisten und brachte sie der alten katholischen Ordensschwester der „Kuratie Elster“, Schwester Dietgarda, die ich damit kennenlernte. Eine fruchtbare Zusammenarbeit entstand: Mit Firmlingen und Konfirmanden gestalteten wir ein Martinsstück und feierten den ersten großen Martinstag in Seyda, der seitdem jedes Jahr stattfindet. Aus der „RKW“, der Religiösen Kinderwoche, wurden die „Kinderkirchenferientage“: Sie steuerte das Programm bei, wir die Logistik mit Kochen und Zelten. In diesem Jahr, 2016, fanden die 23. „Kinderkirchenferientage“ auf diese Weise statt – obwohl Schwester Dietgarda längst im Ruhestand im Mutterkloster in Friedrichroda ist. “Credo in … sanctam ecclesiam catholicam…” “Ich glaube an die heilige katholische Kirche” – so heißt das lateinische Original des Glaubensbekenntnisses, was in der Kirche in Seyda Sonntag für Sonntag (natürlich auf Deutsch) gemeinsam von der Gemeinde gesprochen wird. „Katholisch“ heißt übersetzt eigentlich „allumfassend“, aber da es bei uns auch eine Konfessionsbezeichnung ist, sagen wir „Ich glaube an… die heilige christliche Kirche“. Schließlich ist die Seydaer Kirchengemeinde nicht „römisch-katholisch“, sondern evangelisch, nach der Reformation Martin Luthers. „Christen sind wie eine große Familie, es gibt Schwestern und Brüder, die sich mal mehr, mal weniger vertragen: Und die römisch-katholische Kirche ist unsere große Schwester.“ So ähnlich wird es in der Christenlehre erklärt. Katholiken gibt es in unserer Gegend kaum, deshalb weiß mancher hier nicht, was das überhaupt ist. Ja, im alten Fläming-Platt hieß das Wort „katholsch“ soviel wie „verkehrt“, deutlich warnend gesagt. War etwas „katholsch“, dann war es fremd und suspekt und besser ein Bogen darum zu machen. Über viele Jahrhunderte gab es bei uns kaum Berührung mit katholischen Christen, man hörte von ihnen höchstens in der Polemik zur Reformationsgeschichte oder aus der Ferne. Der Augsburger Religionsfriede von 1555 „Wessen Macht, dessen Glaube“ bedeutete für die Sachsen, dass sie alle wie der Landesherr lutherisch, also evangelisch wurden – oder das Land verlassen mussten. Als allerdings dann der Kurfürst August der Starke selbst zum katholischen Glauben übertrat, um auch König von Polen werden zu können, war der evangelische Glaube so stark verankert, dass er erhalten blieb. Das war ja auch schon viele Jahre später, im September 1697. Nach Seyda kamen danach einige Katholiken, die sich im Kirchenbuch wiederfinden: Meistens Spezialisten, also zum Beispiel ein Glasbläsermeister aus der Glashütte Glücksburg, im 19. Jahrhundert ein preußischer Regierungsrat oder Kaufleute. Aber bis zum Ersten Weltkrieg kann man sie fast an einer Hand abzählen. Ein wenig mehr werden es dann durch Erntearbeiter aus dem Osten, die auf den Gütern in Mark Zwuschen und in Mark Friedersdorf arbeiten. Aber es bleiben wenige. Dennoch gibt es Spuren von Bräuchen, die wir heute als „katholisch“ bezeichnen würden, weil sie jetzt meist in katholisch geprägten Gebieten gepflegt werden. So sollen die Pfarrer bis zum Beginn des letzten Jahrhunderts auch in Mellnitz zum Segnen der Felder hinausgegangen sein, um für eine gute Ernte zu bitten. Einmal, so erzählte ein alter Mann noch 1995, sei der Pfarrer von einem Bauern auf ein Feld geführt worden, was sehr schlecht bestellt worden war. Der Pfarrer weigerte sich, den Segen dazuzugeben, und rief entrüstet: „Hier hilft nur Mist!“ An die vorreformatorische Zeit erinnert noch die kleine Nische, die in den alten Altären hinten eingebaut ist. Dort war einmal der Platz der Reliquien. Meistens waren das Überreste von Märtyrern, also Menschen, die um ihres Zeugnisses für Christus willen umgebracht worden sind. In Seyda stand eine Kirche „Zum Heiligen Kreuz“, vermutlich mit einem Reliquienstück vom Kreuz Christi – wie in Klöden und Zahna hielten sich die ersten Sachsen, die hier über die Elbe in für sie unsicheres, wildes Land vorstießen, daran fest: Es machte ihnen deutlich, das der Herr Jesus Christus doch sichtbar und spürbar bei ihnen war. Diese Reliquien sollten ausdrücken, dass die Kirchen mit der großen Weltkirche, der „Gemeinschaft der Heiligen“, verbunden, eben „katholisch“ sind. In Mellnsdorf ist noch das Signum des Bischofs auf der Altarplatte zu sehen, der die Kirche einmal (vor 850 Jahren) geweiht hat, und in vielen Kirchen haben wir unter den Farbschichten dazu die alten Weihekreuze gefunden, die mit ihrer Zwölfzahl daran erinnern, dass die Kirchen „auf den Grund der Apostel“ gebaut worden sind. In der Reformationszeit hatte sich ein Pfarrer aus dem Brandenburgischen an Luther gewandt, er hätte eine große Not: Er dürfe zwar evangelisch predigen, aber der Fürst verlange, dass er die alten Gewänder anziehe. Aber das könne er doch nicht machen! Luther redet ihm gut zu und macht ihm deutlich, das sei doch wirklich ganz nebensächlich, notfalls würde er auch in Unterhose auf die Kanzel gehen: Hauptsache, er könne das Evangelium verkündigen. So wurden die alten Messgewänder noch viele Jahre weiterverwendet und auch erneuert. Alte Rechnungen aus der Gadegaster Kirchenkasse belegen, wie der Pfarrer damals gekleidet war: er hatte ein weißes Gewand an, darüber einen farbigen Umhang. Die Gewänder mussten lange halten, im Abstand von 60 bis 70 Jahren wurden jeweils neue angeschafft. Erst 1817 führte der preußische König den schwarzen Talar mit Beffchen ein, wie wir ihn heute kennen. Die Kniebänke sind heute oft ein Unterscheidungsmerkmal von katholischen und evangelischen Kirchen. In Seyda wurden sie erst bei der Kirchenrenovierung im Jahr 1894 entfernt. Es heißt 30 Jahre später, dass sich die alten Leute auch da noch im Gottesdienst hinknieten. Bei einer Kirchenreinigung in Gadegast fand ich einen Zettel mit Abkündigungen aus den 20iger Jahren des 20. Jahrhunderts. Darauf vermerkt war „Beichte für die Jugend“. Tatsächlich findet sich hinter dem Altar dort ein Beichtstuhl. Auch in der Wittenberger Schlosskirche wurden bei der Renovierung 1817 die Beichtstühle erneuert. Luther hat diese heilsame Sache ja nicht abgeschafft, nur den Zwang zur Beichte hatte er abgelehnt und die Vorstellung, dass man alles jemals vollständig „erzählen“ könnte. Der behutsame Umgang der Reformation mit den alten Traditionen führte dazu, dass manche Schnitzwerke erhalten blieben. Bisweilen wurden sie aus dem Zentrum gerückt, wie in Arnsdorf der heilige Sebastian, der einer Kanzel weichen musste: Das Wort Gottes gehört in die Mitte! Aber die Darstellung des Heiligen wurde an der Seite angebracht. In der Ruhlsdorfer Kirche findet sich eine vorreformatorische Darstellung der heiligen Familie: Anna Selbdritt, also zu Maria, der Mutter von Jesus, noch die Mutter seiner Mutter: Anna; dazu ihre drei Männer (nach der Legende ein Hinweis auf die Erscheinung des dreieinigen Gottes) und Marias Mann: Josef. Auch das ist noch gut erhalten: Am Rand. Im Seydaer Heimatmuseum wurde 1960 eine Marienstatue verzeichnet, die aus der Gadegaster Kirche stammen sollte. Sie ist bisher nicht wieder aufgetaucht. Eine große Anzahl katholischer Christen kam mit den Flüchtlingen des Zweiten Weltkrieges nach Seyda. Viele waren es, die alle Habe verloren hatten. Manchmal wurden über 100 an einem Tag in den Baracken am Schützenhaus registriert. Ein Stück Heimat und Kraftquelle war ihnen ihr Glaube: Da konnten sie „zu Hause“ sein. Katholische Gemeinden entstanden in Seyda und in Elster, sie waren mit ihren Gottesdiensten zu Gast in den evangelischen Kirchen. Der Pfarrerssohn aus Elster beobachtet in diesen Tagen, wie die Messe unter dem alten Kampfbild aus der Reformationszeit von den zwei Weinbergen (der eine, evangelische Teil gut gepflegt, der andere verwüstet) gefeiert wird. Einige Bilder waren im Krieg aus der Stadtkirche Wittenberg dahin ausgelagert worden. Ob sie wohl bemerkten, dass im hinteren Teil des Bildes von der katholischen Seite her eine Schubkarre voll Mist (als Dünger) auf die evangelische Seite gefahren wird? Konfessionsschranken wurden jedenfalls angesichts des großen Leides, das alle betraf, unwichtiger. Es war für die katholischen Christen nicht einfach. Oft brachten sie einen eigenen Altartisch mit, denn nach katholischem Ritus muss auch er geweiht sein. Auf den Altar wurde zur Messe ein Tabernakel gestellt, zur Aufbewahrung der Hostien, des „Leibes Christi“, der nach katholischer Lehre auch Leib Christi bleibt, wenn die Feier beendet ist. Die Zahl der Gottesdienstbesucher war nicht gering. Es wurden auch Erstkommunionen, Firmungen und andere große Feste gefeiert, es gab Messdiener, Weihrauch und alles, was zu einem katholischen Gottesdienst gehört. „Ihnen kann ich ihn geben!“ – mit diesen Worten überreichte mir eine katholische Frau, Frau Kosa, den Seydaer Kirchenschlüssel, nachdem ich ein Jahr hier war. Die katholische Gemeinde hatte ihn nach dem Krieg bekommen. Er ist heute unser einziger originaler Kirchenschlüssel, alle anderen waren verloren gegangen, so dass bis dahin nur noch „Nachgemachte“ da waren. 1955 wurde die Kirche neu ausgemalt. Am Werk war noch als Lehrling der Maler Stiehl aus Leipa. Noch einmal war er 1993 am Pfarrhaus tätig. Ich bat ihn, doch nebenbei auch die Kirchtür mit neuer Farbe zu versehen. Dafür kam er jeden Morgen eine Stunde früher zur Arbeit, 4 Uhr 30 – eine gewisse Umstellung für mich, der ich das Studentenleben gewöhnt war. Er erzählte mir, dass er in unserer Kirche einmal gefirmt worden ist. In den ersten Dienstjahren hat ein Pfarrer einen „Aufbaukurs“ im Predigerseminar zu absolvieren. Dort begegnete mir ein Dozent der, als er hörte, dass ich aus Seyda kam, sich sehr genau und mit Ortskenntnis erkundigte. Es war der ehemalige katholische Pfarrer Neumann, der in den 60iger und zu Beginn der 70iger Jahre in Elster wohnte und gemeinsam mit den evangelischen Pfarrern aus Klöden und Seyda eine sehr rege kirchliche Jugendarbeit aufgebaut hatte. Erst zur Wende – lange nach dem Bau etwa einer „Neuapostolischen Kirche“ – konnte Schwester Dietgarda eine kleine katholische Kapelle in Elster bauen. Bis dahin waren die katholischen Christen weiter in evangelischen Gotteshäusern zu Gast – oder in den neu erbauten katholischen Kirchen in Jessen und Zahna. Ihre Zahl nahm freilich sehr ab: In den 50iger Jahren gingen viele Menschen unserer Region in den Westen Deutschlands, besonders die, die „Flüchtlinge“ waren und dafür hier eben kein Grundstück zurücklassen mussten. Viele heirateten auch evangelische Partner und wurden dabei oft evangelisch, am häufigsten aber dann die Kinder, wenn sie denn überhaupt am christlichen Glauben fest hielten. Nach der Jahrtausendwende waren etwa 10 übrig, aber – wie es schon einmal ganz früher war – eben oft ganz besondere. Die älteste Frau, die bisher in Seyda gewohnt hat, Maria Brill (101 Jahr wurde sie alt); der Leiter vom Diest-Hof, der aus Österreich kam. Auch der Doktor und die Bürgermeister unseres Städtchens nach der Wende hatten katholische Wurzeln. Dass sie etwas „mit der Kirche“ anfangen konnten, hat sich vielfältig fruchtbar auch für unsere Kirchengemeinde und die Stadt ausgewirkt. Bürgermeister Benesch, bei dem ich gleich in den ersten Tagen einen Antrittsbesuch machte, lud mich sofort ein, im Stadtrat eine kleine Rede über das Verhältnis von Kirche und Stadt zu halten; und zum Schulanfang in Seyda (wo ich zum ersten Mal neben meiner künftigen Frau saß) und in Elster in der Sekundarschule, die an diesem Tag zur gemeinsamen Schule von Seyda und Elster wurde. Unvermittelt wurde ich – alle hatten ein Glas Sekt in der Hand – um ein paar Worte gebeten. Zufälligerweise hatten wir vorher im Predigerseminar eine kleine Übung gemacht: „Spontanreden“. Jeder musste dort einen Zettel ziehen und loslegen. Ich hatte gezogen: „Schule-Schulanfang“, so konnte ich gleich anfangen… Bürgermeister Benesch war es auch, der dann 20 ABM, also Menschen, die im zweiten Arbeitsmarkt für die Stadt tätig waren (ABM - „Arbeitsbeschaffnungsmaßnahme“), für die Kirche und ihr Umfeld einsetzte, so dass vieles repariert und erneuert und verschönert werden konnte. Eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Kirche und Stadt entwickelte sich, die dann auch nach dem plötzlichen Tod von Bürgermeister Benesch 1999 mit seinem Nachfolger, Herrn Motl, fortgesetzt wurde. Zu den katholischen Christen gehörte auch eine Gruppe älterer Frauen, die treu die Gemeindenachmittage und auch die Gottesdienste unserer Gemeinden besuchten – und eben einmal im Monat von der katholischen Gemeinde mit einem kleinen Bus zur Messe nach Zahna abgeholt wurden. Weil ich im Eichsfeld – „da, wo die DDR katholisch war“ – aufgewachsen bin, kannte ich die katholischen Traditionen und konnte sie immer wieder auch mit einbringen, so dass sie sich hoffentlich auch deshalb bei uns ein Stück „zu Hause“ fühlten. Aus Heiligenstadt vertraut war mir der Ökumenischen Jugendkreuzweg, der im Freien an sieben Stationen gehalten wird. Seit 1994 findet er jedes Jahr hier statt, er beginnt in der Kirche in Gadegast, die zweite Station ist an einer Kreuzung dort, wo jemand bei einem Autounfall sein Leben verlor; die dritte ist auf dem Seydaer Friedhof, die vierte an der Kirche in Seyda, die fünfte am Schützenhaus, die sechste auf dem Sportplatz des Diest-Hofes, wo ein Kreuz steht; und die letzte im Andachtsraum des Diest-Hofes. Ein großes Kreuz wird vornweg getragen, meistens von vier Jugendlichen. Und an diesem Kreuz im Andachtsraum des Diest-Hofes beginnt dann eine Woche später das Osterfest für unsere Region, mit einer Osterfeier und dem Osterfeuer. Auch die Bibelwoche und die Friedensdekade (zehn Tage im November, wo täglich für den Frieden gebetet wird und nachgedacht wird, wie man Frieden machen kann) sind ökumenisch. Allerdings gibt es nun kaum noch Katholiken bei uns, und es ist auch schwer, einen katholischen Pfarrer zu finden, der Zeit und Kraft hat, mitzuwirken. In den letzten Jahren tat dies Pfarrer Schreiber aus Elster, der vor einigen Jahrzehnten schon einmal hier wirkte und nun im Ruhestand ist, mit Bibelwochenabenden. Auch Pfarrer Lorek aus Wittenberg war in diesem Jahr zu Gast. Seit 10 Jahren gibt es Anfang Mai eine „Wallfahrt“ nach Seyda. Seyda ist Wallfahrtsort geworden! Die katholische Gemeinde aus Wittenberg-Jessen kommt mit Fahrrädern und Autos, feiert um 11 Uhr eine Messe und grillt danach im Pfarrgarten. Bis vor 3 Jahren haben wir ein Lied, meistens „Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit, denn unser Heil hat Gott bereit. Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja – gelobt sei Christus, Marien Sohn!“ gemeinsam gesungen (Gesangbuch Nr. 100) – es war das letzte Lied im evangelischen Gottesdienst, der damals noch um 10 Uhr (jetzt: 9.30 Uhr) begann, und das erste Lied dann vor der Messe. Ein gemeinsamer Gottesdienst war leider nicht möglich, da zu einer Wallfahrt und überhaupt zur Sonntagsmesse die Kommunion gehört, an der ein katholischer Priester uns Nicht-Katholiken nicht teilnehmen lassen darf. Dennoch ist es eine gute Sache, das, was möglich ist, zu tun: Auch mit diesem Fest. Viele Jahre besuchten unsere Mitarbeiter der „Kinderkirchenferientage“ die Weiterbildungen der katholischen „RKW“ – wie es schon erwähnt wurde; in diesem Jahr konnten wir den großen Fisch für Jona, der im Diest-Hof angefertigt worden ist und in dem ein „Jona“ sogar Platz hat, für die RKW ausborgen. Eine katholische Frau, die segensreich für die Mellnitzer Gemeinde gewirkt hat, ist Frau Anna Maria Hor, gestorben im Jahr 2004 mit 78 Jahren. Sie kam 1990 in den Ort und setzte sich sehr für die Kirche ein. Sie sorgte für den Altarschmuck und besuchte auch den Gemeindenachmittag in Seyda. Für das Fahren hin und zurück gab sie jedes Mal Geld, ich nahm es, um neue Leitern für den Kirchturm in Mellnitz anzuschaffen: Wie Jakob, der auf der Flucht war, war auch Frau Hor oft in Bedrängnis in ihrem Leben und wurde gestärkt wie Jakob mit einer „Himmelsleiter“. 2003 stiftete sie das Altartuch mit dem Bild vom Abendmahl Christi, noch heute ist es in Mellnitz zu sehen: alle an einem Tisch! Ein Katholik mit großem Einsatz auf dem Diest-Hof, in unserer Gemeinde und auch für unsere Stadt ist Werner Srugies, Psychatriediakon. Er ist Mitbegründer des „Christlichen Vereins Junger Menschen“ (CVJM) in Seyda – und saß auf diese Weise eine Zeitlang auch als „Jugendvertreter“ in unserem Gemeindekirchenrat! Mit großer Treue hält er durch die Zeiten „Sonntagsandachten“, also Gottesdienste in Seyda, auch schon in Naundorf und in Elster, wenn ich einmal verreist bin. Viele hören ihn gern: Es ist einfach gut, das Evangelium einmal voneinander zu hören und damit die verschiedenen Perspektiven zu entdecken. Im Rahmen seines Berufes fertigt er mit Bewohnern des Diest-Hofes die Osterkerzen für alle Gemeinden in und um Seyda an, die das ganze Jahr über an die Verbindung mit dem Diest-Hof erinnern. Inzwischen werden sie auch verschickt: Bis nach Hessen, zur Partnergemeinde. Er qualifizierte sich als Theaterpädagoge, und so hatten und haben wir viele eindrückliche Aufführungen. Ein Krippenspiel, in dem plötzlich eine große goldene Wand heruntergerollt kommt und man richtig geblendet ist, wenn der Engel zu den Hirten – und zu uns spricht: „Fürchtet Euch nicht! Siehe, ich verkündige Euch große Freude!“. Oder wo die Wirte einen „Pogo“ tanzen und Maria und Josef auf der Herbergssuche hin- und hergestoßen werden. Oder wo die Hirten dann um die Krippe tanzen und solch einen Wind machen, dass die Liederzettel in der Kirche hochfliegen. Oder wo am Beginn Herodes sich mit einem Engel über die Macht unterhält: Und am Ende Herodes zwar auf seinem Thron sitzen bleibt, aber „aus dem Licht“ gerückt wird. Auch an ganz schwierige Dinge wie „Passionsspiele“ traute sich Herr Srugies und konnte sie überzeugend umsetzen: Die Perspektive des Judas etwa, und die Darstellung der Passion hinter einer Leinwand, im Schattenbild. Jedes Jahr gibt es auf dem Diest-Hof großartige Aufführungen zum Sommerfest, so vom Verlorenen Sohn, von Jona oder von Noah. Im Rahmen eines Gemeinschaftsprojekts von Schule, Diest-Hof und Kirchengemeinde wurde in der Schule unter seiner Leitung „Don Quichotte“ aufgeführt: Einer, der so anders ist als alle anderen, der mit Windmühlen kämpft – und wo schließlich die Polizei kommt, ihn festzunehmen. Wo sich aber dann die Dorfbewohner um ihn stellen und sagen: Der bleibt hier, der gehört zu uns. Der macht uns Freude. Schließlich gab es in diesem Jahr zum 10. Mal „Rock im Tierpark“, ein großes Open Air Konzert mit vielen Bands zum Heimatfest, maßgeblich organisiert von ihm, seinen Söhnen und deren Freunden. Immer wieder hat Herr Srugies den Finger auf wunde Punkte im Zusammenleben gelegt, so in Beiträgen im Gemeindebrief und bei Versammlungen in Stadt und Kirchengemeinde. „Ihr seid das Salz der Erde!“ sagt Jesus. „Ihr seid das Licht der Welt!“ Schön, wenn das auch bei uns immer wieder spürbar ist. Eine Frau engagiert sich beim Gemeindenachmittag in Elster, kocht den Kaffee, deckt den Tisch. Irgendwann denke ich: Sie muss doch auch einmal Geburtstag haben, und suche in der Gemeindeliste: Aber da ist sie nicht zu finden. Sie ist katholisch! Gefreut hat sie sich doch, als ich dann kam. Ein ökumenisches Projekt war der Bau der Kapelle in Mark Zwuschen 2009 - 2012. Ein orthodoxer Christ, der aus Mazedonien stammt, hat das Land gestiftet. Und eine junge Frau aus Seyda, Elisabeth, katholisch, lernte die Schnitzkunst in Oberammergau und fertigte die 12 Bilder an den Türen mit biblischen Geschichten zu Glauben, Liebe und Hoffnung an, in 187 Stunden ehrenamtlicher Arbeit, einen Sommer lang. Im Moment ist sie in ähnlicher Weise für die Kapelle in Listerfehrda tätig. Ein Steinmetzlehrling aus Seyda, David, erklärte sich bereit, den Altar herzustellen. Wir fuhren zu seinem Steinmetzmeister nach Dessau, Herrn Wotzlaff, und fragten ihn nach einem Stein. Es ist eine teure Angelegenheit, wie man von Grabsteinen weiß. Er fragte, wofür wir ihn bräuchten, und als er hörte: Für die Kapelle, da sagte er einfach: „Den schenke ich Ihnen: Ich bin katholisch.“ Eine katholische Männerschola aus Heiligenstadt schmiedete den großen Leuchter und sang auch zur Einweihung, - es war Lichtmess - , das Lied, dessen Anfang an ihm zu lesen ist: „Wo werd´ ich sein“ (wenn die Posaune erschallt). Es bleibt erstaunlich, was in unseren kleinen Gemeinden und Orten doch geschieht und möglich ist. Zwei Lieder von Menschen, die in Seyda geboren sind, gibt es im Gesangbuch, eins zur Hochzeit (240) und eins zum Erntedankfest (418); das letztere ist mit einem „ö“ („ökumenisch“) versehen, findet sich also auch im katholischen Gesangbuch. Wie es überhaupt bemerkenswert ist: 111 solche Lieder stehen im Evangelischen Kirchengesangbuch, was 1994 eingeführt wurde. Im neuen „Gotteslob“, dem Gesangbuch der Katholiken in Deutschland, stehen schon 223, also 2 x 111 + 1 ökumenische Lieder, und der am häufigsten zu zählende Liederdichter ist: Martin Luther. Seit 1994 singen wir dafür so bekannte Lieder wie „Lobe den Herrn“ und „Großer Gott wir loben Dich“ mit gemeinsamem Text und gleicher Melodie – manchmal fällt es auf, wenn die Fassung nicht mit dem übereinstimmt, was Ältere in ihrer Konfirmandenstunde gelernt haben. Auch das Vater Unser wurde angepasst, wohl in den 70iger Jahren, „Erlöse uns von dem Übel“ hieß es früher; jetzt: „Erlöse uns von dem Bösen.“ Nur im Glaubensbekenntnis sagen die einen eben: Ich glaube an die heilige christliche Kirche – und die anderen: Ich glaube an die heilige katholische Kirche. Aber alle anderen Worte des Glaubensbekenntnisses sind gleich! Nie gedacht hätte ich, was nun im Juni dieses Jahres passierte: Ich wurde zu einer Sonderaudienz bei Papst Franziskus eingeladen. Das geschah so: In Seyda gibt es viele Schausteller und Artisten, und der Papst hat im von ihm ausgerufenen „Jahr der Barmherzigkeit“ auch Menschen aus dieser Berufsgruppe eingeladen. Vernado Hein aus Seyda sagte: „Ich fahre nur mit meinem Pfarrer!“ Als dann gemerkt wurde, dass der ja evangelisch ist, gab es wohl zunächst eine Ablehnung, aber Verni Hein fragte zurück: Ob das ihrem Chef, dem Papst, denn recht wäre, wenn sie mich nicht mitnehmen könnten? Da klappte es dann doch. Und ich flog das erste Mal nach Rom, war zu Gast in einem Gästehaus des Vatikan und stand beeindruckt aber auch ein wenig befremdet in St. Peter in Rom. Viele Päpste haben sich dort mit Kunstwerken und Statuen verewigt, manche sind auch mumifiziert zu sehen. Aber die große Freundlichkeit des Papstes Franziskus, die er „uns Zirkusleuten“ entgegenbrachte, machte viel davon wett. Natürlich waren wir nicht die einzigen, sondern es waren noch viele andere Schausteller aus ganz Europa da. Immerhin saßen wir in der zweiten Reihe. Vorn, ein paar Treppenstufen erhöht, saß der Papst auf einem weißen Stuhl, hinter ihm Kardinäle in schwarz. Ihm war die Freude richtig anzusehen über die „Vorstellung“, die ihm nun von den Artisten geboten wurde. Schließlich wurde ein sibirischer Tiger am Strick hereingeführt, nur wenige Meter von mir… Aber der Papst hatte keine Angst, das muss man ihm lassen. Er stand auf und ging von hinten (!) an das große Tier heran, das seine Kunststücke zeigte. Als er es berührte, bekam es einen großen Schreck: der Tiger sprang in meine Richtung, der Papst in die andere. Große Aufregung! Zuhause wurde mir dann ein Bild aus der Zeitung gezeigt, wie er den Tiger (von vorn) streichelt – das war dann 5 Minuten später. Die Barmherzigkeit ist ihm wichtig, das hat er in Wort und Tat deutlich gemacht, die „Barmherzigkeit des Vaters“. Im Umfeld und bei der Stadtführung hörten wir auch manches dazu, zum Beispiel, dass er mit einer Gästewohnung im Vatikan wohnt (45 qm) und seine Kardinäle gebeten hat, doch ihren Wohnraum auch auf 100 qm Wohnfläche zu begrenzen und lieber noch Flüchtlinge aufzunehmen. Der Rummel um die Person des Papstes, wie er dort in Rom heute noch stattfindet, wird uns fremd bleiben (obwohl wir es aus anderen Bereichen durchaus kennen), aber gerade beim Papst Franziskus wird deutlich, dass wir in dieselbe Richtung unterwegs sind. Bei einer ökumenischen Hochzeit in Seyda im Juli überreichte ich deshalb auch die Jugendbibel mit seinem Vorwort: „Ein Buch wie Feuer! Ein Buch, durch das Gott spricht.“ Martin Luther hätte sich ganz sicher gefreut über einen Papst, der einlädt, Gottes Wort zu lesen und auf Jesus Christus zu vertrauen. Wir gehören miteinander zur großen, weltweiten Christenheit, der „allumfassenden“ Kirche Jesu Christi – und sind gemeinsam mit den Christen anderer Konfessionen zu Gottes Reich hin unterwegs.